GREEN CITY

Wir haben 2010 bis auf die Steuererklärung abgeschlossen und es ist Zeit ein Resumé zu ziehen und zu schauen was uns in 2011 erwartet. Ich glaube nicht daran Propheten, die Kriege, Weltuntergang oder die Farben des nächsten Sommers vorhersagen zu können. Meiner Meinung kann man nur in die Zukunft sehen, wenn man die Vergangenheit versteht. Vieles kehrt einfach wieder und die Vorboten sind immer die gleichen.

I4_7_15Es war wieder eiskalt, aber statt in Panik auszubrechen und zum kollektiven Winterschlaf aufzurufen, gibt man sich gelassen und wenn ich es recht überlege, hat die Kälte letzten Winter wirklich am wenigsten genervt. Es war vielmehr die Ignoranz bestimmter Bevölkerungsgruppen und die Unfähigkeit der Stadt sich mit Wind und Wetter auseinander zu setzen.

Ich kann ja verstehen, wenn man über Nacht von Eis und Schnee überrascht wird und es mal einen Tag oder zwei Tage dauert bis man zumindest für Fussgänger Wege begehbar macht. Die Stadt zeigt schnell auf die geizigen Hausbesitzer, vergass aber leider, dass der Rathausplatz z.B. in die eigene Verantwortung fällt. Das wurde dann unter dem Hohn der Klatschblätter schnell aus der Welt geschafft. Vor unserem Büro in St. Pauli ist ein Park und eine der Ameisenstrassen, die Schanzenviertel, St. Pauli und Karolinenviertel verbindet. Hier dauerte es 6 Wochen bis zum ersten Mal die Wege gestreut wurden. Ach ja, der Sand war alle. Man musste auf das Schiff aus Südamerika warten. An den Ampeln wurde dann mit so einem Eifer gestreut, dass Kinder noch bis in den Sommer oft mit Schaufel und Eimer dort herrlich für die heimischen Sandkästen einfahren konnten.

Den Autofahrern war dies egal. Es wurde übernacht stets fleissig dafür gesorgt, dass am nächsten Morgen allseits freie Fahrt möglich war. Es erweckte in mir den Eindruck, dass man nur deswegen die Fussgängerübergänge streut, damit Autofahrer rasanter rechts abbiegen können und nicht auf Fussgänger im safety-pengiun-walk warten müssen.

Mitunter werde ich von derartigen Verschwörrungetheorien heimgesucht und ich sehe vor meinem geistigen Auge wie Gewerkschafter von der Strassenreingung, Schmiergelder von der Autoindustrie bekommen, damit ja kein Autofahrer die Lust am fahren verliert und vielleicht auf öffentliche Verkehrsmittel oder noch viel schlimmer aufs Fahrrad umsteigt. Nur ein Hirngespinst? Sei es drum.

Als Radfahrer hingegen wird man bekanntermassen von beiden Seiten verachtet. Fussgänger tun oft so, als würden Radwege nicht existieren und sind genervt wenn sie vom Radweg springen müssen, Autofahrer achten wiederum zum Grossteil überhaupt nicht auf Fahrradfahrer und speziell dann nicht wenn sie wie oben schon bemerkt rechts abbiegen. Dazu später mehr.

Hinzukommt, dass nur wenige Autofahrer wissen, dass Radfahrer aufgrund ihrer 2 Reifen ebenfalls berechtigt sind auf der Strasse zu fahren, wenn Radwege schmaler als 150 cm oder aus welchen Gründen auch immer unbefahrbar sind. Mal abgesehen davon, dass man im Minutentakt angepöbelt, angehupt und abgedrängt wird, ist es paradoxerweise wesentlich sicherer auf der Strasse zu fahren als auf dem Radweg. Als Schnee und Eis weg waren, wurde ich in einer Woche gleich zweimal von Rechtsabbiegern angefahren. Seitdem bleibe ich lieber auf der Strasse. Aber was sollen unsere Kinder machen. Die müssen auf dem Radweg fahren. Meine 10-Jährige Tochter hatte Glück und ausser quietschenden Reifen und viel Gummi auf dem Zebrastreifen ging das ganze schon zweimal gut.

Würde ich in NYC oder Moskau leben, dann würde ich darüber kaum einen Gedanken verschwenden, aber wurde unsere saubere Hansestadt nicht gerade zur Green City ernannt?

Ach so, wir sollen jetzt ja alle auf Elektroautos umsteigen. Wer hat sich eigentlich so eine kurzsichtige Nummer ausgedacht? Ich verstehe ja den Unterschied zwischen 8V-6L Maschine und einem summenden Smart, der alle 150 km an einem Windrad anhalten muss, um seine Batterien aufzuladen. Aber was passiert mit den Batterien, wenn die Kiste abgelaufen ist. Eigentlich gibt da nur zwei Optionen.

Entweder wir schicken sie nach Afrika, wo unser Handys, Fernseher und Computer landen. Dort schnallen sich dann die afrikanischen Weltmeister der Improvisation und Wiederverwertung einen Dieselgenerator aufs Dach, um den Elektromotor am Laufen zu halten.

Oder aber die Batterien werden zentral eingesammelt und zusammen mit dem Castor Transporten in Salzbergwerken eingelagert. Vielleicht bin ich aber auch nur ein Schwarzmaler und die Batterien sind gar nicht so schädlich. Ich lasse mich da gerne vom Gegenteil überzeugen. Wenn sich einige Politiker bereit erklären, die Teile in ihren Garten einzugraben und täglich ihr Gemüse aus eigenem Anbau zu essen. Dann werde ich meine Bedenken über Bord werfen. Ich will jetzt nicht bigott werden, schliesslich schreibe ich diese Zeilen auch gerade auf einem Computer. Aber irgendwo müssen wir schliesslich ja mal anfangen.

Womit wir wieder beim Rad wären. Ich frage mich wirklich, ob es da nicht doch eine Verschwörung gibt, die es uns ausreden will, dass wir etwas Unrechtes tun, wenn wir uns für Radkultur begeistern. Ich wollte gerade bewusst den Begriff Lifestyle vermeiden, muss nun aber doch wieder darauf zurückkommen, weil wir jetzt beim Fixie Bike angelangt sind. Die Presse hat ein neues Thema gefunden: Es wird von halsbrecherischen Kamikaze Fahrern berichtet, die ohne Bremsen selbstmörderisch gegen jede Regel durch die Strassen schiessen. So tappte auch ich in die Falle und wurde von zwei Beamten im Leichtgang aus dem totem Winkel kommend geschnappt.

‘Jaja, Fixed Gear und ohne Bremsen. Wir wissen, warum sie das machen und was sie jetzt denken!’ Ich bin innerlich entsetzt: Hilfe, die Gedankenpolizei! Aber nach aussen bleibe ich cool.’Das macht 70 Euro und einen Punkt in Flensburg, wenn sie überhaupt einen Führerschein haben. Wie sie sicherlich schon aus der Presse erfahren haben, werden in Berlin Fahrräder sofort konfisziert!’ Und in einigen US-Bundestaaten wird man für Evolutionlehre und nicht-ehelichen Verkehr zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, dachte ich im Stillen. ‘Bin ich schon so weit von zu Hause weg, Herr Wachmeister, ich dachte ich bin noch in Sankt Pauli.’

Ich bin übrigens echt glücklich über die Terrorwarnung und den Wintereinbruch. Die Schönwetter-Kollegen in Uniform mussten ihre Bikes wieder in der Garage abstellen und stehen jetzt mit Uzi am Hauptbahnhof. Die Strassen sind wieder unser. Wenn ihr es wirklich so nötig habt Staatsgelder einzutreiben, dann stellt Freunde und Helfer einfach an eine Kreuzung mit Radweg und schreibt Tickets für Abbieger mit blindem rechten Auge. Das wäre mal schnell verdientes Geld und ihr könntet den Rest des Tages richtige Verbrecher jagen.

Ich bin wirklich schwer genervt von dieser Ignoranz. Nur weil ein Bahnrad per Definition Bremsen haben muss, wird man wie ein Taschendieb behandelt. Wäre es ein Sportgerät wie Skateboard, Einrad oder Inline Skates wäre es gar kein Problem. Das Fahren starrer Nabe ist ein Klassiker für gefährliches Halbwissen. Jeder der mal Bahnrad gefahren ist, weiss wovon ich rede. Man reguliert seine Geschwindigkeit einfach mit den Pedalen und ist rein technisch gezwungen vorausschauend zu fahren. Wenn man sich darauf einlässt, Fahrradfahren neu zu lernen, ist das gar kein Problem. Yuppies, die sich aus Stylegründen ein Fixie kaufen und meinen sie können wie der geölte Blitz loslegen, werden schnell auf den Boden der Tatsachen geholt, wenn es wirklich mal eng wird. Dann kommt das Fixie neben den Keilerkopf an die Wand und es wird lieber wieder Hollandrad gefahren, was auch völlig OK ist.

Woher kommt aber die Angst unserer Staatsmacht vor dem Unbekanntem? Schopenhauer´s Kausalkette hatte darauf eine simple Antwort: Wahrheit wird erst lächerlich gemacht, dann bekämpft und am Ende als selbstverständlich anerkannt.

Es ist also wie so oft Geduld gefragt. Ich sehe es schon wenn die Strassen in der Hafen City aufgerissen werden, weil plötzlich jemandem 2011 auffällt, dass unser repräsentativste Stadtteil, so gar nicht in das Green City Konzept passt. Aber vielleicht reicht es ja auch, wenn man noch ein paar Stadtrad Stationen aufbaut, denn bisher hat eine Station dort völlig ausgereicht, wozu auch, wenn es dort keine Radwege gibt. In richtigen Stadtteilen sind die Stationen immerhin immer nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Vielleicht sind aber auch die Stadtplaner auf meiner Seite und haben die Radwege weggelassen, weil sie wissen, dass Radwege gefährlicher sind als die Strasse. So muss ich mir doch trotz aller Kritik eingestehen, dass die Hafen City neue Massstäbe gesetzt hat.

Das ist einfacher, billiger und sicherer.

Wenn da nicht …? War da nicht noch was?

Ach ja!

Autos.

READ #03 FEB. 2012

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