MIKE VALLELY

PURE LOVE FOR SKATEBOARDING
MV0Nachts bekam ich eine SMS vom Kollegen Ritchie Löffler, der schon für unsere zweite Ausgabe seiner Zeit das Interview mit Tony Alva klar gemacht hatte. Seine Nachricht war kurz und knapp: “Bock auf Interview mit Mike V?” Skateboarding ist eigentlich gar nicht meine Domäne und dennoch verschaffte er mir wieder einmal ein Interview mit einer Legende.  Deshalb will ich erstmal versuchen so wenig wie möglich Parallelen zum Alva Interview zu ziehen, denn Mike wird dies während des Interviews noch selbst machen, aber dazu später mehr.

Nach Mike hat nach 25 Jahren Pro Skateboarding endlich seine Konsequenz gezogen und nach mehrfachen hin und her mit Powell Peralta, Element und diversen anderen Brands nun endlich einen Schlussstrich gezogen und seine eigene Marke ELEPHANT BRAND gegründet. Es ist eine Ein-Mann-Show und obwohl sie seine eigene Natur wohl am Besten widerspiegelt, so hat es doch so lange gedauert bis er diesen Schritt straight durchgezogen hat. Viele denen Mike Vallely ein Begriff ist, bezeichnen seinen Style gerne als Old School. Dem widerspricht Mike vehement, denn für Ihn geht es nicht darum einer Bewegung oder einer bestimmten Generation von Skateboardern zugeordnet zu werden. Damals wie heute geht es ihm um die wahre Liebe zum Skateboard. Seit er sein erstes eigenes Brett hatte, ist er nonstop gefahren und er erinnert sich noch gerne an diese Momente. Nach dem ersten Trick war ihm klar, dass er dies sein ganzes Leben über machen wollte und wenn man dazu Profi werden muss, dann ist es eben der Weg. Seinerzeit konnte noch niemand voraussehen, wohin sich die ganze Szene entwickeln würde. “Wenn Kids heute mit der Motivation und dem nötigen Talent an den Start gehen, Profis zu werden, dann lieben sie sicherlich Skateboarding genau so sehr wie ich damals, aber sie haben natürlich immer im Hinterkopf damit auch einen Menge Geld zu verdienen. Wir wussten damals überhaupt nicht wie lange, die ganze Geschichte gut gehen würde”

 In den 90er Jahren wurde es an der Spitze enger und eine Industrie entwickelte sich, in der es neue Spielregeln galten und der Kommerz klar im Vordergrund standen. “Es kam vor, dass ich Bretter mit meinem Namen in Shops fand, deren Designs ich noch nie gesehen hatte und die noch nicht einmal eine eigene Form hatten. Man versprach mir mehr Mitbestimmung und ich riss mir den Arsch auf und skatete so hart es nur ging. Immer mit der Vision endlich das umsetzen zu können, was mir die Brands versprachen. Es hat Jahre gedauert bis mir klar wurde, dass ich lediglich ein Hamster in einem Laufrad war, der immer auf eine Karotte starrte, die ich nie erreichen würde.” Aber Mike ist nicht verbittert über diese Erkenntnis, schliesslich kann nur so einen Industrie funktionieren. Er ging eher mit sich selbst ins Gericht, dass er dieses Spiel solange mitgemacht hatte. “Ich wollte von der kommerziellen Seite weglaufen, weil sie mir immer zu abstrakt war und letztendlich immer auf Kollisionskurs mit meiner Kunst zu skaten lief.

Schon am Anfang war es mehr für Mike. Durch Skateboarding hatte er sich selbst kennen gelernt und es war seine Art mit der Aussenwelt zu kommunizieren und sich darzustellen. Sein Selbstbewusstsein war so stark, dass er es sogar ignorierte wenn etablierten Skatern wie Toni Alva ihn für seinen Style kritisierte und für eine Eintagsfliege hielten.

“Ich verkörperte damals Mitte der 80er Jahren eine neue Entwicklung im Skateboarding und Toni hasste mich. Er versuchte mich einzuschüchtern und hat mich auf Contests immer schlecht behandelt.” Es hat dann über 10 Jahre gedauert bis Alva Mike 1999 auf einmal plötzlich zur Seite nahm und ihm gestand, wie stolz er auf ihn ist und das er es geschafft hatte allen zu zeigen, dass sie mit ihrer Einschätzung falsch lagen. Alva und andere haben damals nicht geglaubt, dass man sich in zwei Jahren noch an Mike Vallely erinnern würde.

Mike hat sich bis heute durchgesetzt. Vielleicht hat es auch was damit zu tun, dass sich nicht so sehr um Trends und neue Tricks kümmert wie viele andere. Er vergleicht seinen Style und seine Tricks mit Rocksongs. Die Analogie zur Musik der 50er und 60er Jahren, passt ihm am Besten. “Warum soll ich Lieder von einer anderen Band spielen? Das sind meine Songs und die wollen die Leute sehen.” Selbst Veteranen wie Steve Caballero, der seinerzeit bei Peralta sein Team-Manager war, konnten dies nicht nachvollziehen. “Ich hatte das Gefühl, Cab wollten seinem Image nicht schaden und hat immer alle neuen Sachen mitgemacht. “Heute skatet er ganz anders, als damals in den 90er Jahren beim World Cup in Münster. Als die Halle dort einmal total verrückt spielte, meinte ich zu ihm, er solle einfach einen fetten Boneless fahren. Er schaute mich an, als ob ich verrückt geworden sei.”

 Mike war solche Reaktionen schon gewohnt, aber dies hat ihn nie davor abgeschreckt, sich dem stereotypen Image zu entziehen, welches man ihm aufzusetzen versuchte. Aber für Mike spielt das alles keine Rolle, ob er nun als Wrestler im Ring steht oder Eishockey spielt, er macht immer was ihm in den Sinn kommt. “Erfolg misst sich nicht, wie du am Ende abschliesst. Es geht eigentlich nur darum, dass man es macht und sich selbst keine Grenzen setzt. Nichts desto trotz habe ich es lange als Beleidigung angesehen, wenn mich jemand fragte, ob ich jetzt einen neuen Karriere Weg einschlagen würde.”

 Als Mike letzten Sommer seinen Profivertrag beendete, war die Landung auf den Boden der Realität hart. Aber er es verschaffte ihm die Klarheit, die er brauchte um endlich wieder die Strasse zu spüren und zu wem passt diese Metapher besser als zu einem Skateboardprofi, er eigentlich immer nur rollen wollte.

Er fing an zu schreiben und es fühlte sich von Anfang an natürlich an. Er schrieb zum Beispiel über das Verhältnis zu seinem Vater. “Einmal kam er in mein Zimmer als ich Dead Kennedys hörte und schrie mich an warum ich immer diesen Scheisslärm machte. Ich wurde so wütend, dass ich die Casette rausriss und das ganze Tape rauszog. Das ist Jahre her. Neulich fuhr er mich zum Flughafen. Er hatte mich am Abend zuvor mit meiner Band bei einem Auftritt gesehen. Er sagte, wie stolz er auf mich ist.” Während Mike mir diese Geschichte erzählt, merke ich wie emotional er wird.

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Er hat nie wirklich Mentoren gehabt und war immer auf sich selbst gestellt. Was das Geschäftliche angeht hat er oft daneben gelegen und sich immer wieder verunsichern und hinhalten lassen. Als er Powell im Sommer verliess, rief Ihn Stacy Peralta an. Dieser hatte sich schon seit Jahren aus dem operativen Business der Firma zurückgezogen und aufs Filmemachen konzentriert.

“Mike, Du musst an dich selbst Glauben, wenn es ums Geschäft geht. mach Dein Ding.” Stacy hat ihm in den letzten 20 Jahren 3 Ratschläge gegeben:

Vor 25 Jahren beim Frühstück zwei Stunden vor einem seiner ersten Contests als Profi, schaute er ihn an als ob Mike verrückt wäre, als er Pfannkuchen bestellte: “Du kannst sowas nicht vor einem Contest essen” Er tat es trotzdem aber von diesem Zeitpunkt an, achtete er auf seine Ernährung.”

Jahre später als sie sich wieder traffen, nahm Stacy Mike´s Deck und testete seine Achsen: “Deine Achsen sind zu fest, Mike. Mach sie jeden Tag eine Vierteldrehung lockerer und du wirst sehen, was es für einen Unterschied machen wird”

Mike lachte: “So etwas hatte mir noch keiner gesagt. Aber ich befolgte wie zuvor seinen Rat und es machte einen Unterschied.”

 Es ist schon erstaunlich. Mike ist heute 41 Jahre alt und er fängt noch einmal ganz von und er fühlt sich gut dabei, denn alles was er jetzt anpackt ist seins und am Ende des Tages ist es wie beim Skateboarding. Du packst dich aufs Maul, stehst wieder auf und probierst es so lange bis der Trick klappt. Abschliessend kann ich nur empfehlen Mike´s Blog mal zu lesen. Er offenbart zwar eine Menge persönliche Gefühle und Erfahrungen, aber er ist eine grossartige Inspiration für jeden, der darüber nachdenkt mal zu schreiben.

Man setzt sich von der Masse ab, die sich nur noch durch Copy-Paste Mentalität auszeichnet. Aus diesem Grund wird übrigens auch READ geschrieben.

READ MAGAZINE #08 /02.2012