SOZIALRAUM

Neulich wurde ich im Schanzenviertel angesprochen, ob ich an einer Umfrage teilnehmen möchte. Normalerweise passiert einem so etwas nur noch am Telefon. Die zwei Studentinnen, bewaffnet mit Stift und 2 Seiten präsentierten mir dann allerdings einen Fragenkatalog der Sicherheitskonferenz Altona, der selbst Stahlzäune unter Brücken ganz klar auf die hinteren Plätze verweisen würde, sollte man eine Rangliste aufstellen wollen, inwieweit Rationalität komplett ausser Acht gelassen werden kann. Was dem Hamburger Rathaus seine Marketing GmbH, ist dem Altonaer Rathaus seine Sicherheitskonferenz.

Es ist natürlich nicht Neues, durch bestimmte Fragen, bestimmte Antworten zu implizieren und zumeist ist dies auch beabsichtigt. Schon bei der ersten Frage, wo es um mein Sicherheitsgefühl im Hellen und im Dunklen geht, kann ich mich unter anderem zwischen  eher sicher oder eher unsicher entscheiden. Selbst wenn ich mich hier klar entscheiden müsste, so kann ich mir nicht vorstellen, was für eine Interpretation die Auswertung zulassen würde.

Mit äusserster Präzision geht es bei Frage 2 weiter und man will wissen, ob sich in den letzten Jahren etwas verändert hat. Als Historiker würde ich antworten, dass es besser geworden ist, seit die Dänen vor 300 Jahren nicht mehr  “Al to na” waren. Oder ist damit die Post-Flora Ära gemeint?

Bei Frage 3 geht es nun ans Eingemachte und ich muss mir aus einer Liste drei wichtige Probleme aussuchen:

Herumlungernde oder nichtstuende Jugendliche? Sind damit die Schüler der Berufsschule für Hafen- und Werftarbeiter in der Wohlwillstrasse gemeint? Wie soll ich antworten, wenn mich Erwachsene auf der Strasse verunsichern oder gar Horden von Polizisten, wenn ich in eine Demo gerate?

Obdachlose und Bettler? Sind das nicht Probleme mit gesellschaftlichen bzw. politischen Ursachen. Drogen? Habe ich Angst in eine Haschspritze zu treten? Eher nicht. Trinker? Die nerven schon, aber hier auf St. Pauli ist das der Volksport und ein nicht unerheblicher Beitrag zum Bruttosozialprodukt. Man stelle sich ein Alkoholverbot wie in der Bahn vor. Fehlende Beleuchtung, leerstehende Gebäude? Nimmt man jetzt im Rathaus Auswirkungen der eigenen Gentrifizierungspolitik wahr?

Ich bekomme langsam ein Problem mit Definitionen: Besprühte oder beschmutzte Hauswände sind zwar ärgerlich für die Besitzer, aber was hat das mit Bedrohlichkeit bzw. Sicherheit zu tun?

Und Graffiti? Streetart hat es ja bekanntermassen weltweit bis in Galerien und Museen geschafft und wird hier nun gleichgesetzt mit Schmutz, Müll und Zerstörung. Da könnte es zu einer einzigartigen Zusammenarbeit von Kulturbehörde und Müllabfuhr kommen.

Unter Punkt 4 geht es jetzt endlich mal um Vorschläge zur Verbesserung meines Sicherheitsgefühls: Ich wünsche mir markierte Radwege auf der Fahrbahn, damit man nicht mehr Gefahr läuft von Rechtsabiegern angefahren zu werden, aber darauf komme ich Ende nochmal zurück.

An welchen Orten fühle ich mich unwohl und welche Orte meide ich deswegen? Dom, Hafengeburtstag und Schlager-Move! Ich glaube nicht, dass die Sicherheitskonferenz diese Erfolgskonzepte abschaffen könnte. Oder vielleicht doch?

Das Fachamt Sozialraummanagement des Bezirksamtes Altona ist Urheber der Sicherheitskonferenz. Die entsprechende Website beschreibt, dass unser verunsicherte Sicherheitsgefühl von abgestellten Fahrrädern ausgehen kann. Und ich dachte die Stadträder der Bundesbahn sind beliebt und ein Erfolgskonzept auf der Habenseitie der Umwelthauptstadt 2011. Werden die roten Renner etwa in 2012 wieder eingesammelt ?

Unsere Interviewanfrage im Altonaer Rathaus schien leider zu kurzfristig und unsere Fragen per Email wahrscheinlich zu komplex, obwohl es sogar eine zuständige Pressesprecherin gibt, die aber leider nicht antworten konnte. Es hätte uns zum Beispiel schon interessiert wie hoch das Budget in diesem Fachamt ist und welche Massnahmen die Umfrage nach sich ziehen wird. Aber wahrscheinlich war man an diesem Wochenende mehr mit der Diskussion um den Strandradweg beschäftigt.

Und das bringt mich wieder an die anfängliche Rangliste fehlender Rationalität zurück. Ich kann die Anwohner sehr gut verstehen. In Övelgönne muss man wirklich wohnen wollen, ansonsten wäre die Massen von Menschen auch kaum zu ertragen, die sich beim kleinsten Anzeichen von Sonne, durch die enge Gasse wälzen. Was ich nicht verstehe ist die Argumentation, dass die Elbchaussee ein Autobahnzubringer (!) wäre und Radfahren, daher zu gefährlich sei. Ausserdem würden sich die kalkulierten Kosten für einen Radweg auf 1 Million Euro belaufen. Eigentlich braucht man ja nur eine Linie, die den Radfahrern die nötige Sicherheit gibt. Dann müssten sich allerdings Autofahrer ihre geheiligte Strasse mit Zweirädern teilen. Ein blasphemischer Gedanke, ich bin mir dessen bewusst.

Wenn man der Website der Altonaer Sicherheitskonferenz Glauben schenken darf, dann ist man offen für Rat und Tat seitens der Bevölkerung. Dann lehne ich mich jetzt mal ganz weit raus und biete folgendes an: Ich ziehe die Linie von Teufelsbrück bis zum Platz der Republik für ein Zehntel der veranschlagten Kosten.

In Los Angeles, der Hauptstadt des Verkehrsinfakts, wurde neulich über Nacht auf der Schlagader 7th Street ein 3,5 km langen Radweg liniert. Einfach so und alle finden es toll. Wieso geht so etwas nicht bei uns?

READ #07 DEZ. 2011

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