STREETS OF LA II

In der Ausgabe 6 hatten wir unseren L.A. Fotografen Gregory Bojorquez vorgestellt. Dieser Nachtrag ist uns auf jeden Fall wichtig, um der Beschreibung seiner Person gerecht zu werden.

Am Morgen des 9. Dezember wollte Gregory eigentlich nur ein paar Erledigungen machen. Es war erst 10 Uhr und der AMOEBA Record Store hatte noch geschlossen. Also machte er sich auf zur Bank of Amerika, die nur einen Block entfernt an der Ecke Vine Street und Sunset Bouldvard liegt. Greg ist kein typischer Amerikaner und er geht gerne durch die Strassen, immer auf der Suche nach einem Motiv und so hat er auch heute sein Snapshot Bag mit zwei Kameras dabei. Eine mit einem Farbfilm, die andere mit einem eingespanntem Schwarzweissfilm. Als er auf die Kreuzung zukommt, sieht er plötzlich Menschen um die Ecke laufen und er hört die ersten Schüsse. Im ersten Augenblick denkt er: “Das kann nicht sein. Wir sind hier in Hollwood! Wahrscheinlich wird um die Ecke ein Film gedreht und jemand feuert nur Platzpatronen ab.”

img001Wer unseren Fotografen Greg noch nicht aus vorherigen Ausgaben kennen gelernt hat, dem sei gesagt, dass Greg Boyle Heights in East L.A. aufgewachsen ist und eigentlich sehr wohl weiss, wie sich Schüsse anhören. Doch dann hört der die Kugeln in Metall einschlagen und Glassscheiben klirrend zerbersten. Er sieht den Schützen auf dem Mittelstreifen der Vine Street Richtung Süden auf die Kreuzung Sunset Blvd zugehen. Greg wirft sich hinter einen Zeitungsautomaten, die an jeder Ecke stehen. Er hört bremsende Reifen quietschen und wieder Schüsse. Er zieht seine erste Kamera aus der Tasche. Es ist bereits ein Farbfilm eingelegt. Er schätzt den Abstand und wählt ein entsprechendes Objektiv aus. Während er Verschlusszeit und Blende einstellt, kommt hinter ihm ein Wagen zum stehen und ein LAPD Beamter in Zivil springt aus dem Wagen.  Gregory ruft ihm zu, was er bisher gesehen hat und dass der Schütze über die Kreuzung weiter auf der Vine Street geht. “Ich hätte nie gedacht, dass ich mal einem Polizisten bei seinem Job helfen würde, schon komisch”

Dann geht alles recht schnell. Wie in einem Shoot-out im wilden Westen, geht ein Officer mit gezogener Waffe auf den Amokläufer zu und schiesst auf ihn. Er landet mit seiner 45er fünf Körpertreffer, der Amokläufer bricht zusammen. Er hält nur noch sein Messer in der Hand, was er nicht loslassen will, obwohl ihn die anrückenden Beamten mehrmals dazu auffordern. Er stirbt nach ca. 2  Minuten am Tatort. neben ihm steht ein Mercedes. Die Scheiben sind eingeschossen. Am Steuer sitzt ein Fernsehproduzent. Er ist am Unterkiefer getroffen worden und blutet stark. Die Ambulance trifft ein. Der Fahrer des Mercedes kann mit Hilfe eines Sanitäters aus seinem Wagen steigen und wird zum Krankenwagen gebracht, der ihn ins Cedars Sinai Hospital bringt.

Gregory kann weiter am Tatort bleiben und fotografieren. Er ist einer der Hauptzeugen und muss darauf warten seine Aussage zu machen. Noch am gleichen Tag meldet sich Associated Press, um ihm die Fotos abzukaufen. Gregory ist kein Journalist und AP bedeutet ihm im Grunde genommen nichts. Sie bieten Ihm USD 200 pro Veröffentlichung. Den Vertrag empfindet er als Abzocke. Er unterschreibt ihn nicht. Sein Anwalt fordert AP auf, das Bild aus dem Netz zu nehmen. Seine Bitte wird ignoriert.

Es ist schon komisch, dass gerade diese Woche die neuen Gesetze zum Schutze des geistigen Eigentums vom US-Senat eingereicht werden. Wenn sich die ganz Grossen in der Branche einen feuchten Kehricht darum kümmern und es auch mal in Kauf nehmen, verklagt zu werden. Hauptsache man hat für diesen Tag ein Topbild zu einer brandheissen Story. Eine Woche später stirbt der Fernsehproduzent an den Folgen seiner Schusswunde. Greg kann es erst gar nicht fassen: “Er ist doch noch fast alleine zum Krankenwagen gegangen. Shit, Homes! Ich stand da neben einem erschossenem Mörder und bin wahrscheinlich einer der Letzten, die sein Opfer lebendig gehend gesehen haben. This is fucked up!”

Er hat erst diese Woche den Letzten der drei Filme zum Entwickeln gebracht: “Ich habe auf dem dritten und letzten Film an diesem Tag nur noch 2 Bilder verschossen und der Film war erst jetzt voll. Ich mag es nicht Film zu verschwenden. So bin ich nun mal. Ich bin froh, dass ich an diesem Tag meine Tasche dabei hatte. Wie oft habe ich diese Tasche schon verflucht, weil es echt nervt sie ständig mitzuschleppen.

Wenn ich an diesem Morgen eine Digitalkamera dabei gehabt hätte, dann hätte ich wohl so um die hundert Bilder geschossen. So waren es nur 22 Bilder. Eins davon hat es auf die Titelseite der L.A. Times geschafft. Du kannst ja mal den Bildredakteur der Times fragen, wann das letzte Mal ein echtes Foto von Film??? auf der Titelseite gelandet ist. Ha Ha.”

Gregory wird auf jeden Fall weiterhin seine Snap Shot Tasche dabei haben. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass er noch einmal in einen ähnliche Situation kommen wird.

“Das treibt mich an. Jeden Tag ein gutes Bild.”

http://www.gregorybojorquez.com

READ #8 FEB. 2012

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