TONY ALVA

ARE YOU STILL HOLDING THE WIDE BARREL JUMP WORLD RECORD?

Bild 4Normalerweise lassen sich Interviews mit US Legenden immer entspannter in heimischer Umgebung machen, wo sie weniger gestresst sind und auch mal wirklich über sich selbst reden und nicht nur runterrappen, was man auch im Netz gefunden hätte. Wir rühmen uns bei READ nicht in den Copy-Paste Modus zu verfallen, wenn wir unsere Themen auswählen. Ich muss allerdings gestehen, dass ich diese Nachricht morgens im Fratzenbuch fand, wo ich aus Suchtgefahr an Sinnlosigkeit nur noch einmal am Tag die Zeilen nach Brauchbarem durchforste. 

Mein alter Kollege Richie, der unter anderem seinen Skateshop MANTIS und sein Skatelabels TRAP betreibt, hat sich einer neuen Herausforderung gestellt und lud am Abend zur Eröffnung seines neuen Ladens ANIMAL TRACKS in den traditionsreichen Hamburger Colonnaden ein. Als Gast sollte unter anderem auch Tony Alva erscheinen.

Für alle, die in den 80ern und 90ern geboren sind, sei schnell erklärt, dass Tony zu den Skateboard-Pionieren, den legendären Z-Boys aus Venice gehört. Er war der erste Rockstar am Skatehimmel und seinem radikalen Pool Style ist es zu verdanken, dass es heute Halfpipes und Bowls gibt. Es hätte vielleicht auch jemand anderes auf den Trichter kommen können. Hätte, hätte Damentoilette. Nie skatete seiner Zeit höher, weiter und mit soviel Style wie Alva.

 Ich rief Richie gleich an, ob er vielleicht einen Interview Termin klarmachen könnte. Richie war gerade allerbester Laune. Er würde sich gleich mit Tony treffen, um ein paar Spots auf Hamburgs Strassen zu skaten. Seine Euphorie war zu verstehen, schliesslich war es so als wenn man sich Pelé zum Bolzen verabreden würde. Zwei Stunden später rief er mich zurück, dass Tony grünes Licht gegeben hatte.

Ich hatte nicht viel zu recherchieren. Ich hatte schon viel über ihn gelesen, Friedmans Bildbände, die Dokumentation seines Weggefährten Stacy Peralta im Regal und seine ersten Boards in Ray Flores Galerie auf dem Abott Kinney Boulevard in Venice gefilmt. Ich  wollte nicht die 1000ste Frage über Skateboarding stellen, die ich vielleicht selber hätte beantworten können. Ich wollte wissen, was geht in jemandem vor, der am Anfang einer Bewegung und einer Industrie stand. Tony Alva, Stacy Peralta, Jay Adams und all die anderen waren Punks, die anfingen auf Asphalt zu surfen. Handstand und Pirouetten auf Skateboards waren nicht ihr Ding und erinnerten eher an Sportstunden in Gymnastikschuhen. Alva hatte schon früh erkannt, dass es den Sponsoren egal war, wie sie skaten. Hauptsache man konnte den neuen Sport vermarkten. Er selbst war das Produkt so gründete er sein Label, dass bis heute seinen Namen trägt: ALVA SKATES. Das war vor 35 Jahren.

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Die Lebensläufe Alva´s und seiner Kumpanen hätte sich nicht unterschiedlicher entwickeln können. Stacy ist mittlerweile ein erfolgreicher Filmemacher und Jay sitzt zum wiederholten Mal eine langjährige Haftstrafe wegen Drogen ab. Tony steht irgendwie dazwischen. Wie also ist Tony Alva mit Ruhm und Kommerz in den letzten Jahrzehnten klargekommen und was ist ihm geblieben? Es war als hätte Tony auf diese Frage nur so gewartet. Es sprudelt nur so aus ihm heraus und ich muss mich wirklich konzentrieren in seine Atempausen, Zwischenfragen einzuwerfen.

Tony´s Hintergrund ist gemischt. Seine Mutter ist Holländerin, was ihm erst in den letzten Jahren bei Europa Tourneen in Bewusstsein kam. Er ist in erster Linie Latino. Sein Vater ist halb Mexikaner halb Indianer im Barrio der Arizona Maravilla aufgewachsen. Tony hatte Glück, dass in Venice landete, sonst hätte er wohl nie den Ozean gesehen und angefangen zu surfen, was später die Grundlage für seinen unvergleichlichen Vert-Style war. Aber der Erfolg forderte seinen Tribut. Er hatte alles. Eine nicht endende Party, Drogen, Alkohol. Frauen taten alles, um mit ihm in die Kiste zu springen und er war allzeit von parasitären Freunde umgeben. Es ist einfach in diesen Kreislauf zu geraten und allein kommt man in der Regel auch nicht mehr heraus. In 2004 drehte Tony einen Werbespot für Mercedes-Benz in Barcelona und plötzlich ist ihm bewusst, dass ganz unten angekommen war.

 Er tritt einer Selbsthilfegruppe bei und wird clean. Den körperlichen Entzug bringt er schnell hinter sich, aber die Schritte zur gesunden Psyche sind langwierig. Er ist nicht einfach von vielem loszulassen, was einem sonst zugeflogen ist. Aber er entdeckt schliesslich erstmals seine Spiritualität. Er beginnt wieder zu surfen, um sich fürs skaten fit zu halten. Er spielt Bass in einer Band und er liebt es zu kochen und sich gesund zu ernähren. Aber Skateboarding ist immer noch seine numero uno. Was denkt er über den Level von heute im Vergleich zu seiner Zeit? Der Sport ist auf jeden Fall viel technischer geworden, aber er vermisst den Spirit des Gleitens. Heute morgen mit Richie war es genauso wie es sein sollte und er hat es wirklich genossen, mit einem Local durch Hamburg Strassen zu skaten.

 Das war ein gutes Schlusswort und da verkneife ich es mir zu fragen, ob er immer noch den Weltrekord im “Wide Barrel Jump” hält.

READ MAGAZINE #02 /02.2010

 

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